Das Tanabata-Fest (七夕, Tanabata)
- Caroline Unsleber

- 6. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Japan ist bekannt für seine zahlreichen Feste und Feiertage. Fast jeder Monat hält irgendeine Tradition bereit, die teilweise schon seit Jahrhunderten gefeiert wird. Manche Feste sind laut und bunt, andere eher ruhig und besinnlich. Eines meiner persönlichen Lieblingsfeste ist jedoch Tanabata (七夕, Tanabata) – das Sternen- oder Wunschfest.
Vielleicht seid ihr Anfang Juli schon einmal durch Japan gelaufen und habt euch gefragt, warum plötzlich überall Bambuszweige mit bunten Papierstreifen stehen. Vor Schulen, Bahnhöfen, Einkaufszentren oder sogar kleinen Geschäften hängen plötzlich farbenfrohe Dekorationen im Wind. Hinter diesen scheinbar einfachen Papierstreifen verbirgt sich jedoch eine Geschichte, die über tausend Jahre alt ist.
Und genau das macht Tanabata für mich so spannend.
Denn obwohl das Fest heute auf den ersten Blick recht schlicht wirkt, steckt dahinter eine erstaunlich lange Entwicklung. Das heutige Tanabata ist nämlich kein einzelnes Fest, sondern das Ergebnis vieler verschiedener Traditionen, die sich über Jahrhunderte miteinander verbunden haben. Chinesische Legenden trafen auf japanische Bräuche, Sternbeobachtung auf Erntefeste und Reinigungsrituale auf den Wunsch, dass Träume in Erfüllung gehen.
Wenn man genauer hinsieht, erzählt fast jede Dekoration am Bambuszweig ein kleines Stück dieser langen Geschichte.
Das heutige Tanabata
Heute ist Tanabata vor allem ein Fest, an dem sich Kinder (und ehrlich gesagt auch viele Erwachsene) erfreuen.

Schon einige Tage vor dem 7. Juli werden in Schulen, Kindergärten und vielen Geschäften Bambuszweige (竹, take) aufgestellt. Gemeinsam werden bunte Papierdekorationen gebastelt und natürlich dürfen die berühmten Wunschstreifen, die Tanzaku (短冊) nicht fehlen.
Auf ihnen schreibt jeder seinen persönlichen Wunsch auf. Die Kleinsten malen ihren Wunsch oft einfach als Bild. Anschließend werden die Tanzaku zusammen mit den übrigen Dekorationen an den Bambuszweigen befestigt.
Doch wer denkt, die bunten Papierstreifen seien nur hübscher Schmuck, irrt sich. Fast jede Dekoration besitzt ihre eigene Bedeutung und geht auf eine bestimmte Tradition oder Hoffnung zurück.
Am Tanabata-Tag schmücken die Bambuszweige Straßen, Bahnhöfe, Einkaufszentren und öffentliche Plätze. Je nach Region werden sie nach dem Fest verbrannt oder einem Fluss übergeben – als Symbol dafür, dass die Wünsche ihren Weg zu den Göttern finden.
Natürlich feiern heute nicht mehr alle Regionen Japans Tanabata gleich intensiv. Viele Orte halten die Tradition bewusst schlicht. Gerade das finde ich aber schön. In einer Zeit, in der sich vieles immer schneller verändert, werden solche Bräuche trotzdem noch an die nächste Generation weitergegeben. Vielleicht etwas einfacher als früher – aber immer noch mit derselben Idee dahinter.
Wer Tanabata allerdings einmal in seiner ganzen Pracht erleben möchte, sollte einen Blick nach Sendai oder Hiratsuka werfen. Dort verwandeln riesige Bambusdekorationen und tausende bunte Papierornamente ganze Straßenzüge in ein beeindruckendes Farbenmeer.
Woher stammt Tanabata?
Die Frage nach dem Ursprung von Tanabata lässt sich gar nicht so einfach beantworten.
Sie ist ungefähr so, als würde man fragen, warum wir an Weihnachten einen Tannenbaum aufstellen oder zu Ostern Eier bemalen. Auch diese Bräuche entstanden nicht an einem einzigen Tag, sondern entwickelten sich über viele Generationen.
Das heutige Tanabata setzt sich im Wesentlichen aus vier Traditionen zusammen:
Die Liebesgeschichte
Die Sterne
Die Ernte
Die Reinigung
Die Geschichte von Orihime und Hikoboshi

Die wohl bekannteste Erzählung rund um Tanabata ist die tragische Liebesgeschichte von Orihime (織姫, Orihime) und Hikoboshi (彦星, Hikoboshi).
Sie gelangte etwa im 7. Jahrhundert aus China nach Japan.
Orihime war die Tochter des Himmelskaisers und eine fleißige Weberin. Tag für Tag webte sie wunderschöne Stoffe auf der einen Seite des Himmelsflusses, den wir die Milchstraße nennen. (天の川, Amanogawa).
Auf der anderen Seite lebte Hikoboshi, ein ebenso fleißiger Rinderhirte.
Als sich beide ineinander verliebten, erlaubte der Himmelskaiser ihre Hochzeit. Doch die frisch Vermählten waren so glücklich miteinander, dass sie ihre Arbeit vernachlässigten.
Orihimes Webstuhl blieb ungenutzt, und auch Hikoboshi kümmerte sich nicht mehr um seine Rinder.
Darüber wurde der Himmelskaiser zornig und trennte die beiden wieder. Von nun an mussten sie auf den gegenüberliegenden Seiten der Milchstraße leben und durften sich nicht mehr begegnen.

Aus Trauer nahmen beide ihre Arbeit wieder mit großem Fleiß auf. Als der Himmelskaiser sah, wie sehr sie unter der Trennung litten, erlaubte er ihnen schließlich, sich einmal im Jahr – in der siebten Nacht des siebten Monats – wiederzusehen.
Die Sterne am Himmel
Die Geschichte spiegelt sich bis heute am Nachthimmel wider.
Orihime wird mit dem Stern Vega im Sternbild Leier verbunden, während Hikoboshi den Stern Altair im Sternbild Adler repräsentiert. Zwischen beiden verläuft die Milchstraße – genau wie in der Legende.
Interessanterweise lassen sich diese Sterne Anfang Juli in Japan jedoch häufig nur schwer beobachten.
Einerseits sorgt die zunehmende Lichtverschmutzung dafür, dass der Nachthimmel vielerorts weniger klar sichtbar ist. Andererseits fällt Tanabata mitten in die japanische Regenzeit, sodass Wolken den Blick oft verdecken.
Hinzu kommt, dass Tanabata ursprünglich gar nicht am 7. Juli gefeiert wurde.
Viele der älteren Feste, aus denen sich Tanabata entwickelte, fanden in der siebten Nacht des siebten Monats des traditionellen Lunisolarkalenders statt – nach unserem heutigen Kalender also meist Anfang oder Mitte August.
Einige Regionen Japans, darunter auch Sendai, feiern Tanabata deshalb bis heute erst im August.
Wünsche, Ernte und Reinigung
Obwohl sich viele Menschen an Tanabata klares Wetter wünschen, damit sich Orihime und Hikoboshi begegnen können, ist Regen keineswegs nur etwas Negatives in Verbindung mit dem Fest.
Das Schreiben von Wünschen auf die Tanzaku geht auf chinesische Bräuche zurück, bei denen man um Geschick im Handwerk und in den Künsten bat, ganz im Sinne der talentierten Weberin Orihime.
Gleichzeitig verschmolz diese Tradition mit japanischen Erntefesten, bei denen für eine gute Ernte gebetet wurde.
Dafür war Regen natürlich ein willkommenes Zeichen.
Ein weiterer Bestandteil des heutigen Tanabata geht auf ein altes japanisches Reinigungsritual zurück. Dabei webte eine junge Frau an einem besonderen Webstuhl (棚機, Tanabata) ein Tuch für die Gottheiten. Nach dem Ritual wurde dieses dem Wasser übergeben, zumeist einem Fluss. Das Ritual diente der Reinigung und dem Gebet für eine gute Zukunft.
Aus diesem besonderen Webstuhl entwickelte sich schließlich auch der Name des heutigen Festes.
Die Schriftzeichen 七夕, die heute für das Fest verwendet werden stammen aus China und würden normalerweise nicht als Tanabata gelesen werden. Die heute gebräuchliche Lesung geht vielmehr auf das ältere japanische Ritual 棚機 (Tanabata) zurück. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich verschiedene Traditionen und Kulturen über Jahrhunderte miteinander verbunden haben.
Weitere Traditionen rund um Tanabata
Nicht nur die Dekorationen gehören zu Tanabata, auch kulinarisch hat das Fest seine eigenen Traditionen.

Besonders beliebt sind Sōmen (そうめん). Die dünnen Weizennudeln erinnern mit ihrer langen Form an Fäden, ganz passend zu Orihimes Webkunst, aber auch an die vielen Papierstreifen, die an den Bambuszweigen hängen.
Besonders viel Spaß macht das sogenannte Nagashi Sōmen (流しそうめん). Dabei fließen die Nudeln durch eine lange Bambusrinne mit Wasser und jeder versucht, sie mit den Essstäbchen herauszufischen.
Keine Sorge, falls die Nudeln einmal entkommen, landen sie normalerweise nicht im Dreck, sondern werden am Ende der Bambusrinne in einem Behälter aufgefangen. Der Spaß besteht also eher darin, möglichst geschickt zu sein, als möglichst schnell zu essen.
Zwar ist dieses Spiel keine ursprüngliche Tanabata-Tradition, passt aber wunderbar zur sommerlichen Atmosphäre des Festes.
Früher brachte man außerdem frisches Gemüse der Saison als Opfergabe dar und betete für eine gute Ernte. Auch hier zeigt sich wieder, wie viele unterschiedliche Traditionen schließlich im heutigen Tanabata zusammengefunden haben.
Ein kleines Extra!
Zu Tanabata gehört übrigens auch ein eigenes Kinderlied:
„Tanabata-sama“. Hört euch das gerne mal an, wenn ihr neugierig seid.
Als ich einmal in Tokio unterwegs war, wurde die Melodie am Bahnhof Asagaya bei jeder Zugankunft gespielt. Das ist keine Besonderheit, viele Bahnhöfe in Tokio besitzen ihre ganz eigene Einfahrtsmelodie. Nur hatte ich bei diesem Lied den ganzen Tag einen Ohrwurm.
Vielleicht seid ihr ja selbst einmal Anfang Juli oder Anfang August in Japan unterwegs. Dann haltet die Augen offen. Mit etwas Glück entdeckt ihr einen bunt geschmückten Bambuszweig voller Wünsche.
Und wer weiß, vielleicht hängt ja auch euer eigener Wunsch eines Tages an einem Bambuszweig.

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